Bauplan: Eine Marktampel aus dem Hamsterrad

  • Bereinigung schrieb:

    Juanito schrieb:

    Nur mit dem von Dir erwähnten Zeitaufwand alleine ist es nicht getan.
    Habe ich das behauptet?
    Die Investition von Zeit (und zwar mindestens so viel wie beim Planen des nächsten Urlaubs oder des nächsten Auto- bzw. Fernseherkaufs) ist eine notwendige Voraussetzung für das Verstehen, aber keine hinreichende.

    Wer diese Voraussetzung nicht erfüllen will (was das gute Recht eines jeden Anlegers ist), braucht sich in Sachen Verstehen schon mal keine Hoffnungen zu machen.
    Die Entscheidung zugunsten des S&P500 ist letztlich eine Entscheidung gegen eine kapitalbildende Lebensversicherung oder einen gemanageten Fonds mit jeweils höherer Gewinnmarge für deren Anbieter (und schlechterer Rendite für den Anleger selbst).

    Ich frage mich allerdings, warum ein Anleger, der nach eigener Aussage kein Interesse an Fakten zu seinen Anlagen hat, dennoch versucht, diese selbst auszuwählen und dann auch noch im Internet über Details zu diesen Unternehmen mitzudiskutieren, um sein selbst eingestandenes Unwissen öffentlich darzustellen. Ich halte dies für ein typisches Symptom der postfaktischen Gesellschaft.

    Niemand ist gezwungen, seine Altersvorsorge auf der Basis eigener Entscheidungen zu realisieren - die Tatsache, dass viele Leute das gar nicht können, hat zur Entstehung einer entsprechenden Dienstleistungssparte geführt. Aber wenn man es tut, dann sollte man es auf einer rationalen Basis tun.
    Und selbst wenn diese als Ergebnis nicht mehr liefert als die Entscheidung, Branchen mit schlechtem Chance/Risiko-Verhältnis zu meiden, kann dies den Zeitaufwand schon wert gewesen sein.

    Juanito schrieb:

    Das der Betreiber dieser Seite (Hamsterrad) diesen Aufwand betreibt, wage ich auf Grund seiner beruflichen Tätigkeit ebenfalls zu bezweifeln. Ergo müsstest Du ihm ja ebenso raten, sein Projekt rückgängig zu machen und doch wieder auf ETFs zu setzen.
    Man kann Synergie-Effekte für sich arbeiten lassen. Die Realisierung des Excel-Sheets erfordert beispielsweise andere Skills als die Bereinigung von EPS-Daten. Letztere stammen zudem sehr wohl zu einem nennenswerten Teil von Hamsterrad selbst.
    Ich halte das Hamsterrad-Sheet nicht für perfekt (wie Du meinen diversen Erweiterungsvorschlägen entnehmen kannst). Aber ich halte es für besser als die Auswahl von Aktien aufgrund von (oftmals prozyklischen) "Wohlfühlkriterien" (und insbesondere die Selbstbetrug-Argumentation: "Ich habe die Aktie schon 20 Jahre im Depot und mein Kapital damit verdreifacht, also interessiert mich nicht, ob das ein schlechtes Investment war oder nicht") oder (neutralen) Dartpfeilen.

    Das Hamsterrad-Sheet arbeitet auf einer breiteren Kennzahlenbasis als mein eigenes System. Es verwendet jedoch "kompatible Ideen", nämlich die Belohnung von Wachstum und Robustheit.
    Deshalb verwende ich eine modifizierte Version des Sheets selbst, um zu beobachten, inwiefern beide Methoden dieselben Kauf- bzw. Verkaufsempfehlungen geben, und habe ein paar Mal beobachten können, dass es Aspekte berücksichtigt, die meine eigene Methode ignoriert hätte, und mir deshalb als Tie-Breaker zwischen gleich gut bewerteten Aktien einen echten Mehrwert liefern kann.

    Gleichzeitig ist jedoch der Thread, in dem wir gerade diskutieren, ein Versuch, eine Alternative zum mechanischen monatlichen Anlegen darzustellen.
    Meine Idee diesbezüglich lautet, im Falle einer "niedrigen Marktbewertung" die Spar-Rate eher zu erhöhen und im Falle einer "hohen Marktbewertung" die Sparrate zu reduzieren - also das Geld zwischenzuparken und beim Unterschreiten eines (subjektiv zu definierenden) Schwellwertes eine doppelte Spar-Rate einzusetzen.
    Ob man für das Bestimmen von "oben" und "unten" die Hamsterrad-Marktampel einsetzt oder den Fear & Greed Index von CNN, halte ich für weniger wichtig, als die Idee an sich überhaupt an sich heran zu lassen. Ich will hier lediglich zeigen, dass in der Hamsterrad-Logik (ebenso wie im "Schwarm-Working") das Potenzial für einen solchen Indikator steckt - und dass dieser Indikator signifikant anders "schwingt" als der Fear & Greed Index, weil das Hamsterrad-Universum mit seinen 65 Nichtzyklikern sich (gewollt) anders verhält als der Gesamtmarkt.

    Hamsterrad hat (bis zur aktuellen Pause seiner Investitionen) mechanisch jeden Monat zwei Aktienpositionen aufgestockt. Dabei hat er ein einziges Mal auch eine Aktie mit einer Hamsterrad-Bewertung von deutlich weniger als 200 Punkten gekauft. Diese Aktie hieß - Novo-Nordisk. Und wir sehen heute, welche Fallhöhe in der damals hohen Bewertung dieser Aktie steckte.
    Ein Aussetzen seiner monatlichen Käufe hätte ihn vor dem seither eingetretenen Kursverlust bewahrt - und ihm die Liquidität beschert, die Aktie jetzt zu einem niedrigeren Kurs zu kaufen (wenn man denn an dieses Unternehmen glaubt).

    Es gibt neben dem Lesen von Jahresberichten viele andere Dinge, die man tun kann, um seinen finanziellen Horizont zu erweitern.
    Die "Marktampel" versucht, etwas ganz Triviales in die Köpfe ihrer Leser zu bringen: "Es ist besser, Aktien billig zu kaufen als dieselben Aktien teuer zu kaufen". Wenn ich das so simpel formuliere, dann wird es wenige Leute geben, die dieser Idee widersprechen (vor allem dann, wenn sie die betreffende Aktie anschließend "ewig" halten wollen - denn in diesem Fall muss ihnen egal sein, warum die Aktie aktuell billig ist).
    Dieselben Leute behaupten aber, dass viele Aktien "immer überbewertet" seien (was per Definition nicht möglich ist, wenn die faire Bewertung auf dem Durchschnitt der historischen Bewertungen basiert, weil der Markt auf lange Sicht effizient ist).

    Es wird wenige Anleger geben, die jetzt lang laufende Bundesanleihen kaufen mit der Begründung, dass diese Anleihen ja so stark gestiegen sind und deshalb auch weiter stark steigen werden. Es gibt aber zahlreiche Anleger, die Bundesanleihen für weniger spekulativ halten als den DAX, obwohl die letzten beiden Jahren das Gegenteil gezeigt haben. Dabei wird (hoffentlich) jedem Leser klar sein, dass eine Anleihe so definiert ist, dass sie am Ende ihrer Laufzeit nur genau ihren Nennwert zurückzahlt, ihr Kurs also auf 100% zurückkehren muss.
    Warum glauben dieselben Anleger jedoch, Aktien könnten ihre Bewertung dauerhaft vom unternehmerischen Erfolg abkoppeln und beliebig weiter steigen? Nur weil es kein definiertes Rückzahlungsdatum gibt, kann man doch nicht einfach davon ausgehen, dass dieselbe Logik hier nicht gilt - denn würden Aktien immer teurer und Anleihen nicht, dann würde die Rendite bis Endfälligkeit bei Anleihen irgendwann deutlich höher als die Dividendenrendite von Aktien (was übrigens bis vor wenigen Jahren der Normalfall war!), und dies bei geringerem (Insolvenz-)Risiko. Spätestens dann werden Umschichtungen von Aktien in Anleihen erfolgen und damit eine Rückkehr zur Normalität einleiten. Das war 2001 nach der Internet-Blase so und 2008 nach der Immobilienblase ebenfalls.Erstmal ein großes Lob von Bereinigung, für diesen Riesentext.
    Der Anleger ist ein einfacher Mensch. Er versteht nur einen Bruchteil der Materie und glaubt an sofortige Gewinne. Doch das funktioniert so nicht. Doch man braucht solche Anleger, um andere Anlagen zu finanzieren oder das eigene Kapitalrisikorisiko der Anlegerfirma zu senken.
  • Ich habe versucht, den KGV-Quotenbasierten Marktindex nachzurechnen, wie es Bereinigung vorgemacht hat. Anbei mein Ergebnis. Ich rechne dabei wöchentlich, und nehme den Mittelwert zwischen dem Median und dem Geomean des Preisindex der einzelnen 57 Aktien.
    Mein Farbskala unterscheidet sich leicht von Bereinigungs, ich nehme gelb von 115% bis 120%. Vermutlich wegen im Detail unterschiedlicher Berechnungsmethoden bekomme ich keine Ergebnisse größer 125.

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  • Zum Vergleich die gleiche Rechnung, nur über 12 Jahre. Ab 2015 unterscheidet sich die Kurve leicht von der obigen, da ich für die obige KGV-Berechnung jeweils die zum Termin gültigen EPS-Schätzungen verwendet habe, hier in dieser Grafik wegen der fehlenden Schätzwerte vor 2015 jedoch nur die tatsächlich abgelieferten EPS.


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  • Ich denke das die Modelle im westentlichen gleich sind. Ich gehe davon aus, dass sich die minimalen Unterschiede in der Berechnung wegen der Anzahl der Aktien herausmitteln.

    Leichte Unterschiede gibt es vermutlich darin, wie mit extremen, den Schnitt verzerrenden KGV-Werten umgegangen. Gerade während der Finanzkrise gibt es davon einige. Ich habe ein bisschen experimentiert, und mit dem Mittelwert aus Median und Geomean gute Ergebnisse bekommen. Zusätzlich ignoriere ich Unternehme in einer Woche, wenn ihr KGV 0 wird, oder größer 75. Über den ganzen Zeitraum habe ich aber keine Wochen mit weniger als 53 Unternehmen mit gültigen KGV Werten. Die meisten Wochen haben aber alle 57 Unternehmen als Basis.

    Außerdem berechne ich den 2015-2017er Index mit historisierten Daten. D.h. für jede Woche rechne ich mit den damals aktuellen EPS-Schätzwerten 10 Jahre zurück, um das zu diesem Zeitpunkt scheinbare faire KGV zu bestimmen. Dann bestimme den für diese Woche gültigen EPS+360d-Wert, ebenfalls mit den zu diesem Zeitpunkt gültigen EPS Schätzwerten, um den KGV-Quotienten zu bestimmen.
    Damit kann ich z.B. für den Juli 2016 sagen, dass ich damals zum Schluss gekommen wäre, dass der Index bei ca. 123 gelegen hat. Das macht die Daten eher vergleichbar zum aktuellten Wert von Anfang September. Denn dieser basiert ja auch auf den aktuellen EPS-Schätzungen, die sich in Zunkunft noch ändern werden.

    Für den 2005-2017er Index rechne ich wegen der fehlenden EPS Schätzwerte nicht-historisiert. Hier bestimme ich das faire KGV für jedes Unternehmen ein einziges Mal mit den aktuellen Daten. Die EPS+360d-Werte bestimme ich mit den aktuellsten Schätzwerten bzw. den bereinigten Jahresergebnissen.

    Weitere minimale Unterschiede mag es in der faires-KGV Berechnung geben. So weit ich weiß, hat Bereinigung für einige Unternehmen wegen KGV-Kontraktion o.ä. Sonderfälle eingeführt. Für mich ist das faire KGV für Blackrock 16, auch wenn man nach Hamsterrad 17,7 bestimmen würde, oder mit dem Median bei Verwendung täglicher statt jährlicher Daten 18,2. Ich nehme an, das es hier eine leicht andere Datengrundlage gibt.

    Aber wie gesagt, durch die Menge der Daten sollten sich die Unterschiede in der Berechnungmethode herausmitteln.



    Ich habe 2005 als Beginn der Zeitreihe gewählt, da es zwischen vorletzter und letzter Krise liegt, und tatsächlich vorher die Datenlage dünn wird. Man kann die Aussagekraft einer so langen Zeitreihe aus verschiedenen Gründen sicher hinterfragen. Z.B. hätte Hamsterrad 2005 vermutlich andere Aktien für seine Liste ausgewählt (a.k.a. Survivorship Bias; Kraft-Heinz gab es noch gar nicht).
  • Als ich den Index zum ersten Mal im Januar nachgerechnet hatte, hab ich ein paar Notizen gemacht, die ich hier nachreiche. Sie beziehen sich auf die lange Zeitreihe ab 2005.

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    Meine Berechnung unterscheidet sich im Detail von der Bereinigungs. Ausgeschlossen von der Berechnung habe ich Sanofi, Kraft-Heinz, Visa und Philip Morris wegen zu kurzer Datenhistorie. Wenn KGV-Werte >= 75 für ein Unternehmen auftraten, habe ich dieses Unternehmen für die jeweilige Woche nicht zur Indexbildung herangezogen. Dies ist für Deutsche Post, Allianz und Mondelez passiert, jeweils einige Monate lang in 2007 und 2008. Zur Berechnung des Preisindex konnte ich daher, wie Bereinigung für seine kurze Zeitreihe, den Mittelwert aus Median und GeoMittel verwenden.
    "Zukunft Mitteln" habe ich ausgeschaltet, es scheint ja Konsens zu sein, dass dies keinen Sinn macht. Das „faire“ KGV habe ich nur einmal pro Unternehmen ausgerechnet, und zwar zum jetzigen Zeitpunkt. Das „faire“ KGV jedes Unternehmens kann sich natürlich auch mit der Zeit verändern. Für die Untersuchung eines langfristigen Preisindex scheint es aber mehr Sinn zu machen, mit dem selben „fairen“ KGV zu rechnen.

    Aus pragmatischen Gründen habe ich nur die aktuellsten Schätzungen der EPS-Werte herangezogen. Dies vor allem, weil ich für die Jahre vor 2015 keine Schätzungen habe, ich aber einheitlich rechnen wollte.


    Die Grafiken zeigen im Wesentlichen etwas detaillierter, was auch Bereinigung gefunden hat. Den Einbruch ab 2008, Schwankungen zwischen 80% und 90% bis Ende 2012, dann einen kontinuierlichen Anstieg bis April 2015. Seit diesem Zeitpunkt meint man zu sehen, das der Hamsterrad-Preisindex mit teilweise recht heftigen Schwankungen langsam nachgibt. Man sieht den Einbruch im Juli/August 2015, China. Dann einen im Januar/Februar 2016. Für eine nur zu weit gelaufene Jahresendrally kommt mir der Dip ziemlich heftig vor. Dann die Brexit-Verunsicherung. Seit August schließlich ein Nachgeben auf „nur“ noch 110%. Viele sprechen hier von Branchenrotation.

    Ein nur unwesentlicher Unterschied zwischen Bereinigung’s Ergebnissen und meinen ist im August 2016. Hier hat Bereinigung Indexwerte von 126%, die ich in meinen Daten nicht finde. Ich könnte mir vorstellen, dass Bereinigung da ein Datenartefakt hat. Ich finde seinen Wert jedenfalls auch nicht, wenn ich mit einer größeren Anzahl an Aktien arbeite (100 robuste Titel).