Bauplan: Eine Marktampel aus dem Hamsterrad

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  • Bauplan: Eine Marktampel aus dem Hamsterrad

    Das Hamsterrad-Spreadsheet berechnet sowohl aktuelle als auch historisch-durchschnittliche (360 Tage vorwärts gerichtete) Kurs-Gewinn-Verhältnisse.

    KGV-Quotienten
    Wenn man nun zu jeder erfassten Aktie beide Werte vorliegen hat, dann kann man auch das Verhältnis zwischen beiden Werten (aktuell / durchschnittlich) berechnen und bekommt damit eine Prozent-Angabe darüber, wie teuer die Aktie relativ zu ihrem langjährigen historischen Durchschnitt ist.

    Diese Information gibt es im Hamsterrad-Sheet (fast) bereits, nämlich in der Spalte "Abweichung Median" auf dem Blatt "KGV" - man müsste lediglich noch 100% addieren. Letzteres habe ich auf dem Blatt "KGV" in der zusätzlichen Spalte "S" mal eben erledigt (also Zelle "S4" = "R4+1" etc.).

    Wenn man im nächsten Absatz auf "Geomittel" verzichtet, dann kann man sich diese zusätzliche Spalte sparen - für den "Median" kann man direkt die Spalte "R" benutzen (beim "Geomittel" funktioniert das nicht, weil dort auch negative Werte vorliegen).

    Mittelwerte
    Diese Werte kann man aber auch über alle 65 erfassten Aktien kumulieren.

    Dabei bietet es sich an, einen Mittelwert zu berechnen - wahlweise den Median oder das geometrische Mittel. Oder (wenn man sich nicht entscheiden kann, so wie ich) das arithmetische Mittel zwischen Median und GeoMittel. Diesen Wert kann man als die aktuelle relative Bewertung des "Marktes" aus diesen 65 erfassten Aktien interpretieren.

    Ich habe dafür in der Zelle "S3" die Formel

    Quellcode

    1. =MITTELWERT(MEDIAN(S4:S68);GEOMITTEL(S4:S68))

    eingetragen, was beim Hamsterrad-Sheet vom Juli 2016 einen Wert von 119,089% liefert.
    In meinem eigenen Datenuniversum (aus etwa 250 robusten Aktien) kenne ich diese "Marktbewertung" seit Anfang 2014, also knapp 30 Monate. In diesem Zeitraum bewegte sich der Wert zwischen ungefähr 110% und 130%; momentan steht er bei 122%.

    Was bringt diese Information? Nun, zuerst einmal ein Gefühl dafür, wie teuer unser definierter Teilmarkt momentan ist - sowohl im historischen Vergleich als auch im Vergleich mit anderen Wertpapierklassen, die in Prozent notiert sind.
    Uns interessiert ja nicht der Gesamtmarkt, wo sich die Aktien von Volkswagen oder der Deutschen Bank mal eben halbieren, sondern nur diejenigen Aktien, die sich innerhalb unseres Tellerrandes befinden und mögliche Kandidaten für unser Depot darstellen. Da hilft uns weder der DAX noch der S&P500 wirklich weiter - wir brauchen eine Art "Hamsterrad-Index".
    Und wenn alle 65 Aktien einen gleichen maximalen Depotanteil einnehmen dürfen, dann nützt uns eine Berücksichtigung aller 65 Aktien mit gleichem Gewicht (was bei der Mittelwert-Berechnung implizit unterstellt wird) mehr als etwa eine Gewichtung nach Marktkapitalisierung oder was auch immer, wobei dann womöglich gerade die interessantesten Aktien keinen nennenswerten Einfluss auf das Gesamtergebnis hätten.

    Vergleich mit Anleihen
    In erster Linie bietet sich ein Vergleich mit soliden Anleihen an. Hierfür ist natürlich keine neu emittierte deutsche Bundesanleihe zu gebrauchen, denn diese hat per Definition einen Kurs nahe 100%, und das, was an ihr teuer ist, steckt im historisch niedrigen Kupon.

    Eine nagelneue zehnjährige solide Anleihe mit historisch normalem Kupon gibt es derzeit nicht, aber es gibt gute Näherungen dafür:
    1. Anleihen mit einer Restlaufzeit von jetzt noch ungefähr 10 Jahren, die zu einem Zeitpunkt emittiert wurden, als die Zinsen noch "normal" waren, beispielsweise eine deutsche 5,625%-Bundesanleihe von 1998-2028, dessen aktueller Kurs von 166% dem Betrachter ebenso zu denken geben sollte wie die negative Rendite der Anleihe bis zu ihrer Endfälligkeit in 11,5 Jahren.
    2. Eine standardisierte synthetische Anleihe als Vergleichswert, nämlich den Euro-Bund-Future, also einen Terminkontrakt für eine Bundesanleihe mit 6% Zinsen und 10 Jahren Restlaufzeit. Dessen Kurs steht momentan (wenig überraschend) bei 167%.
    Von den Aktien des Hamsterrad-Universums haben nur zwei Stück einen KGV-Quotienten, der noch höher liegt als bei diesen Bundesanleihen: Vodafone und AnheuserBusch InBev.

    Aktien mögen also nicht "alternativlos" sein - aber vielleicht doch das kleinere Übel im Vergleich zu solchen Anleihen? Denn sollten wir irgendwann mal wieder ein Zinsniveau von 5-6% für solide zehnjährige Anleihen bekommen, dann müssen die genannten Anleihen wieder bei ungefähr 100% notieren.

    Vergleich unterschiedlicher Zeitpunkte
    Was ich jedoch eigentlich haben möchte, das ist ein Vergleich der Bewertung der Hamsterrad-Aktien jetzt mit der Bewertung derselben Aktien zu anderen Zeitpunkten - also eine Bewertung des aktuellen Zeitpunktes. Die "Marktampel" soll
    • auf "grün" stehen, wenn unsere Aktien "temporär günstig" bewertet sind (was immer das bedeuten mag) und
    • auf "rot", wenn unsere Aktien "temporär ungünstig" bewertet sind.
    Je nachdem, wie "aggressiv" man die Ampel einsetzen möchte (siehe unten), könnte man also beispielsweise
    • Werte von mehr als 130% als "rot" und weniger als 110% als "grün" interpretieren - dann wird die Ampel fast immer auf "gelb" stehen.
    • Oder vielleicht auch Werte von mehr als 125% als "rot" und weniger als 115% als "grün" - dann wird die Ampel innerhalb der vergangenen 30 Monate mehrfach umgeschaltet haben, und zwar vermutlich im Herbst 2014, im Herbst 2015 und im Januar/Februar 2016 auf "grün" sowie im Frühjahr 2015 während des Draghi-Booms auf "rot".
    Mit den letztgenannten Marktbewegungen hätte man schon mal eine Erwartungshaltung, was die Ampel einem hätte zeigen sollen (und kann dies mit den archivierten Hamsterrad-Sheets der beiden vergangenen Jahre überprüfen).
    Man kann die Grenzwerte für "rot" und "grün" im Extremfall sogar manuell so setzen, dass genau dies dabei herausgekommen wäre, und hoffen, dass der nächste Ausreißer wieder in derselben Größenordnung liegt.
    Ein sehr interessanter Wert könnte beispielsweise Ende Juni 2016 am Tag nach dem Brexit vorgelegen haben - wie "teuer" war der Markt in diesem Moment? Hätte die "Marktampel" zum Einstieg geklingelt?
  • Automatische Erkennung der mittelfristigen Marktbewertung
    Die Marktbewertung der vergangenen 2-3 Jahre ist nun allerdings nicht gottgegeben, sondern von diversen Größen beeinflusst, die den Markt derzeit in bestimmter Weise manipulieren.
    Eine dieser Größen ist sicherlich zumindest seit 2015 die "Geldschwemme" der EZB durch deren Programm zum Ankauf europäischer Staatsanleihen (und inzwischen auch Unternehmensanleihen), wodurch deren Preise aufgebläht werden und ein Teil der traditionellen Anleihekäufer in den Aktienmarkt "getrieben" wird (nach dem Motto "Dividende ist der neue Zins"). Sollten diese Käufe wie bisher geplant im März 2017 enden, dann könnte die Marktbewertung wieder ein wenig nachgeben und die feste Vorgabe eines Mittelwertes mit zwei Grenzen nach oben bzw. unten (also 120% +/- 10%) wäre vielleicht nicht mehr angemessen. Wie kann man diesen Aspekt berücksichtigen?

    Man könnte die "Marktampel" lernfähig machen. Das "aktuelle Marktniveau" lässt sich selbst ja ebenfalls erfassen, nämlich als Durchschnittswert für die monatlichen Ampelwerte aus den vergangenen <n> Monaten.
    Hierbei wäre <n> die Tiefe des Gedächtnisses unserer Ampel, die ihren Mittelwert (und damit auch ihre beiden in diesem Falle relativ zum Mittelwert zu definierenden Grenzwerte für "rot" bzw. "grün") als gleitenden Durchschnitt berechnen und sich damit einer Veränderung der Marktsituation mit einer gewissen Verzögerung anpassen würde (so ähnlich wie die 200-Tage-Linie oder ähnliche charttechnische Indikatoren).

    Interpretation der Werte
    Für den Umgang mit einem veritablen Crash wäre ein solcher Anpassungsmechanismus sicherlich zu langsam, aber das wäre auch nicht die Aufgabenstellung, sondern in einem "atmenden" Seitwärtsmarkt, wie wir ihn seit Anfang 2014 haben (der Performance-DAX hat seitdem nahezu nichts an Wert gewonnen, und dies trotz einer deutlichen Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar), mögliche Gelegenheiten zu lokalisieren, um mehr tun zu können als mechanisch seine monatlichen Käufe zu tätigen.

    Was genau dieses "mehr" wäre, das könnte jeder Anwender der "Marktampel" für sich selbst festlegen:
    • Der eine möchte nur geringfügig von seinen monatlichen Käufen (die dem Hamsterrad-Projekt zugrunde liegen) abweichen und könnte deshalb bei "rot" einen Kauf zurückstellen und bei "grün" sein Kauftempo verdoppeln (zumindest so lange, bis ein dafür reservierter "Topf" aus Liquidität, in welchen auch das Kapital für zurückgestellte Käufe fließt, aufgebraucht ist).
    • Der andere möchte vielleicht in seinem Depot bei "rot" die Aktienquote reduzieren und bei "grün" erhöhen.
    • Der dritte will womöglich bei "rot" den Gesamtmarkt short gehen und bei "grün" long.
    Was letztlich alles dieselbe Idee ist (nämlich "oben" bzw. "unten" zu finden und darauf zu reagieren), bloß mit unterschiedlichen Hebeln.

    Aufruf zum Selbstversuch
    Und wenn das Öffnen eines Hamsterrad-Sheets im Excel-Format mit OpenOffice auf meinem PC nicht mehr als eine Stunde dauern würde (wird im Sheet dessen gesamte Entstehungshistorie gespeichert?), dann hätte ich alles, was ich hier beschrieben habe, für die online verfügbaren Hamsterrad-Sheets der letzten 13 Monate mal schnell ausprobiert und den Verlauf der Entwicklung der "Hamsterrad-Marktampel" graphisch dargestellt.
  • Schöner Beitrag. Ich finde die Idee grundsätzlich interessant, hab allerdings Bedenken bezüglich der Durchführung:


    Die Durchführung mit dem Hamsterrad-Sheet dürfte nicht ohne weiteres funktionieren. Für die KGV+360d-Berechnung benutzt das Sheet ja die "HEUTE()"-Funktion. Das heißt, man kann mit dem Sheet so wie es ist keine historischen Werte ausrechnen. Um das zu erreichen, müsste man ein globales Feld "Reportdatum" einführen, in dem normalerweise "=HEUTE()" steht, dass aber auch mit einem speziellen Wert gefüllt werden kann. Alle Aufrufe von "HEUTE()" müssten stattdessen auf dieses Feld verweisen.


    Ich selbst finde historische Untersuchungen seh spannend. Ich arbeite daher mit einer eigenen, auf einer Sqlite-Datenbank basierenden "Hamsterrad"-Software, die auch Zugriff auf den Stand der Fundamentalkennzahlen zu einem bestimmten Termin erlaubt. Ich bin im Moment aber wieder voll in einem Projekt eingebunden, so dass ich nicht sicher bin, ob und wann ich Zeit für weitere Untersuchungen finde.
  • Peter888 schrieb:

    Die Durchführung mit dem Hamsterrad-Sheet dürfte nicht ohne weiteres funktionieren. Für die KGV+360d-Berechnung benutzt das Sheet ja die "HEUTE()"-Funktion. Das heißt, man kann mit dem Sheet so wie es ist keine historischen Werte ausrechnen. Um das zu erreichen, müsste man ein globales Feld "Reportdatum" einführen, in dem normalerweise "=HEUTE()" steht, dass aber auch mit einem speziellen Wert gefüllt werden kann. Alle Aufrufe von "HEUTE()" müssten stattdessen auf dieses Feld verweisen.
    Das Feld existiert bereits (Zelle "B1" auf dem Blatt "Bewertung"), es hat bloß noch keinen Namen.

    Diesen zu definieren und anschließend "HEUTE()" durch "REPORTDATUM" zu ersetzen geht über "Suchen&Ersetzen / in allen Tabellen suchen" in wenigen Sekunden.



  • Die geringer als von mir vorhergesagt ausgefallene Streuung dieser Prozentwerte liegt am Konzept des "Zukunft-Mittelns" im Hamsterrad-Sheet: Wenn der Kurs einer Aktie gestiegen ist, dann steigen auch EPS2016e, EPS2017e und EPS2018e proportional mit, die dann mit einem Gewicht von 3/13 = 23% in den KGV-Mittelwert einfließen.

    Die Aktie "darf also teurer sein, weil sie teurer geworden ist", was m. E. eine verquere Logik darstellt.

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  • Erste Iteration:
    • Weglassen des "Zukunft-Mitteln":

      Quellcode

      1. S4 = Q4/MEDIAN(F4:O4)
    • Weglassen von Kraft Foods (ohne "Zukunft-Mitteln" bleibt keine Historie übrig => GEOMITTEL wird undefiniert)
    • Weglassen von Vodafone (alle Werte zwischen 400% und 700%, das verzerrt den GEOMITTEL-Wert)


    Damit wird der von mir erwartete Wertebereich deutlich besser getroffen:



    Bei dieser Betrachtungsweise erklärt sich der massive Kurseinbruch zu Jahresbeginn 2016, der allgemein als Überraschung empfunden wurde, ganz einfach als deutlich zu weit gelaufene Jahresendrallye.

    Seit März 2016 scheint der Markt eine Phase der Effizienz eingelegt zu haben (er steigt nahezu exakt im selben Tempo wie die EPS+360d-Analystenschätzungen).

    Den Brexit-Effekt sehen wir leider nicht, weil am betreffenden Tag kein Hamsterrad-Sheet erschien, aber er ist offenbar innerhalb der beiden darauf folgenden Wochen komplett verschwunden.
  • Mit den Tagesschlusskursen vom Brexit-Day (27.6.2016) kommt das Juni-Hamsterrad-Sheet auf einen Ampel-Wert von 118,768% - der Brexit hat in das Hamsterrad-Universum also nur eine kleine Delle gedrückt.

    Das liegt daran, dass
    1. die Haupt-Befürchtung nach dem Brexit ein konjunktureller Abschwung in Großbritannien bzw. ganz Europa ist - und davon sind die fast ausschließlich nichtzyklischen Hamsterrad-Aktien kaum betroffen.
      Insbesondere Hersteller von Nahrungsmitteln, kurzlebigen Verbrauchsgütern oder Medikamenten haben auf den Brexit überhaupt nicht reagiert, etwas stärker traf es die Informationsdienstleister (Blackrock, Microsoft, Moody's, SAP, Visa), bei denen man innerhalb des Hamsterrad-Universums noch am ehesten ein "Schnäppchen" machen konnte.
    2. die wesentliche Reaktion des Marktes in einer starken Abwertung des britischen Pfundes lag - was dazu führte, dass ausländische Investoren sofort die Aktien von international tätigen britischen Großkonzernen kauften (weil deren im Ausland erzielte Gewinne in schwachen Pfunden gerechnet nun steigen müssen).
      Das Hamsterrad-Sheet erfasst diese Aktien jedoch in ihrer Bilanzwährung und stellt bei ihnen deshalb keinen Kursabschlag, sondern zum Teil sogar einen Kursanstieg durch den Brexit fest.
  • Sehr schöne Idee. Es ist immer wieder anregend hier mitzulesen.

    Ich fände es eine echte Bereicherung, wenn man die Daten des Hamsterrad-Systems (und auch diesen neuen Marktbewertungsindex) graphisch auf einer Webseite darstellen würde. (Ich hatte so was schon mal für die Daten des Dividenden-Sammlers am Start). Christian fand die Idee nicht so toll, daher hab ich es dann gelassen. Aber vielleicht sieht er das ja inzwischen anders...
  • Juanito schrieb:

    Ist der Zeitraum/die 10%-Spanne eventuell etwas zu eng gefasst? Wie tief wäre es auf der Bolivien-Flagge z.B. 2011 gegangen?
    So weit zurück gibt es keine Hamsterrad-Daten (und schon gar nicht mit denjenigen Aktien, die heute zum 65er-Hamsterrad-Universum zählen), die ja insbesondere Analystenschätzungen zum damaligen Betrachtungszeitpunkt beinhalten.

    Die 10%-Bandbreite ist das, was wir mit den vorhandenen Daten in dem betrachteten Zeitraum sehen können. Ich kann mir nicht aussuchen, was der Markt in der aktuellen finanziellen Repression tut, ich kann es nur beobachten und in normalisierter Form darstellen (also das Wachstum des Gewinns pro Aktie aus der Wertentwicklung der Aktie herausrechnen und damit den Kurs der Aktie in derselben Prozent-Betrachtungsweise darstellen wie den Kurs einer Anleihe).

    Ende 2011 war Griechenland pleite (die Münchener Rück verbuchte einen Sonderverlust von über einer Milliarde Euro wegen Enteignung ihrer griechischen Staatsanleihen) sowie Irland und Portugal unter dem EU-Rettungsschirm; der DAX-Kursindex stand damals bei 3000 Punkten, heute bei 5000, und Draghi hatte seine "whatever it takes"-Rede noch nicht gehalten.

    Es ist anzunehmen, dass die "Bolivien-Flagge" damals einen Wert von weniger als 90% angezeigt hätte. Beispiele (aus meiner Datenstruktur, Hamsterrad-Werte könnten hiervon leicht abweichen; langfristige KGV-Durchschnittswerte in [eckigen Klammern]):
    • Accenture [15,3] hatte 2011 ein KGV von 11, heute ein KGV von 21.
    • Altria [12,9] hatte 2012 ein KGV von 12, heute ein KGV von 21.
    • AnheuserBusch [16,4] hatte 2011/12 ein KGV von 14, heute ein KGV von 30.
    • Colgate-Palmolive [18,7] hatte 2011 ein KGV von 16, heute ein KGV von 26.
    • Diageo [16,1] hatte 2011/12 ein KGV von 13, heute ein KGV von 21.
    • Fresenius [15,4] hatte 2011/12 ein KGV von 13, heute ein KGV von 21.
    • Henkel [14,7] hatte 2012 ein KGV von 12, heute ein KGV von 22.
    • Johnson&Johnson [15,0] hatte 2011 ein KGV von 12, heute ein KGV von 20.
    • Medtronic [15,6] hatte 2012 ein KGV von 12, heute ein KGV von 23.
    • Microsoft [13,8] hatte 2011/12 ein KGV von 9, heute ein KGV von 23.
    • Moody's [19,1] hatte 2011/12 ein KGV von 10, heute ein KGV von 21.
    • Reckitt-Benckiser [16,8] hatte 2012 ein KGV von 12, heute ein KGV von 25.
    • SABMiller [16,8] hatte 2011 ein KGV von 15, heute ein KGV von 26.
    Es gibt jedoch auch Aktien, deren KGV seit 2011/12 nicht gestiegen (Bayer, Cisco, Siemens, Oracle) oder sogar gesunken (Verizon) ist - lauter Aktien also, für welche das Hamsterrad-Sheet deutlich überdurchschnittliche Punktzahlen berechnet.
    (Überdurchschnittliche Punktzahlen sind auch bei leichter Überbewertung einer Aktie möglich, wenn selbige ein herausragend hohes und robustes Wachstum aufweisen kann, siehe Alphabet oder CVS Health.)

    Die entsprechenden historischen KGVs (ermittelt auf der Basis der tatsächlich erzielten Gewinne pro Aktie) sind im Hamsterrad-Sheet verfügbar; man könnte mit ihnen die "Bolivien-Fahne" über einen Zeitrahmen von 10 Jahren malen (und würde sehr wahrscheinlich das Ergebnis bekommen, das man erwartet, nämlich Tiefpunkte von 80-90% in 2008/09 und 2011/12, das Platzen der Internet-Blase 2002/2003 ist ja nicht mehr erfasst).
    Dabei würden wir jedoch unterstellen, dass die Analystenschätzungen 12 Monate im Voraus immer absolut korrekt gewesen wären.

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  • Bereinigung schrieb:

    Die entsprechenden historischen KGVs (ermittelt auf der Basis der tatsächlich erzielten Gewinne pro Aktie) sind im Hamsterrad-Sheet verfügbar; man könnte mit ihnen die "Bolivien-Fahne" über einen Zeitrahmen von 10 Jahren malen (und würde sehr wahrscheinlich das Ergebnis bekommen, das man erwartet, nämlich Tiefpunkte von 80-90% in 2008/09 und 2011/12, das Platzen der Internet-Blase 2002/2003 ist ja nicht mehr erfasst).



    Die Jahreszahlen beschreiben jeweils den Anfang des betreffenden Kalenderjahres (genauer gesagt: Des Bilanzjahres, das bei einigen Titeln gegenüber dem Kalenderjahr verschoben ist - im "Bilanzjahr 2016" sind also einige Aktien mit ihren Kurswerten aus der Blase vom Frühjahr 2015 enthalten, im "Bilanzjahr 2008" analog dazu einige Aktien mit ihren Kurswerten vom Frühjahr 2007); "2017" steht für den aktuellsten verfügbaren Wert (Juli 2016).

    Die Mittelwertbildung erfolgte diesmal nur über den Median (der weniger empfindlich gegenüber heftigen Ausreißern im Wertebereich ist, die gerade während der Finanzkrise bei Zyklikern wie Allianz und Deutsche Post[bank] vorkamen); Werte von "0%" (bei Aktien mit kürzerer Werte-Historie wie Mastercard, Visa, Mondelez, Philip Morris) sowie die beiden Titel "Kraft Heinz" und "Vodafone" wurden aus der Berechnung ausgeschlossen.

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  • Nochmals vielen Dank für Deine wirklich tolle Ausarbeitung. Das "Bild" stimmt doch etwas nachdenklich und bestätigt letztlich die wahrgenommene Verzerrung.

    Große Käufe drängen sich zur Zeit nicht auf - außer man ist gezwungen voll investiert zu sein. Das bin ich nicht. Es kann natürlich noch sehr lange dauern bis einige Titel wieder im "Normalbereich" bewertet sind. Je nach dem, was die Notenbanken noch so alles an kreativen Ideen haben, könnte es sogar noch länger und deutlicher in den "roten Bereich" der Flagge gehen.
  • Juanito schrieb:

    Große Käufe drängen sich zur Zeit nicht auf - außer man ist gezwungen voll investiert zu sein. Das bin ich nicht.
    Was wäre momentan die Alternative? "Sichere" Bundesanleihen sind das "größere Übel":



    Das Hamsterrad-Sheet zeigt, dass es auch im aktuellen "Anlagenotstand" sehr wohl Aktien für 90-100% ihres historischen Durchschnitts-KGV gibt. Man muss halt ein bisschen gründlicher hinsehen - aber genau dies ist doch die Idee beim Investment in einzelne Aktien!
    Mit "Dartpfeilen" bekomme ich im Mittel 123% als Kaufpreis, und das ist zumindest nicht mein "Plan".

    Wenn man sich mechanisch die "üblichen Verdächtigen" (BASF, BAT, Coca-Cola, Colgate-Palmolive, Henkel, J&J, McDonald's, Nestlé, Novartis, Reckitt-Benckiser, SABMiller, Unilever) mit handverlesenen Dividendenrenditen von 3.5% p.a. für derzeit leider 135% ihrer historischen Bewertung ins Depot legt (also das "Dividende ist der neue Zins"-Portfolio), dann bekommt man in den nächsten 10 Jahren durch die Dividende genau den "Goodwill" ausgeschüttet, den man beim Kauf dieser Aktien vorgestreckt hat. Das ist nicht besser als über einen ETF "den Markt zu kaufen" und bei einem Preis von 123% ebenfalls auf die Dividenden der nächsten 10 Jahre zu verzichten, genau wie man bei einigen Bundesanleihen inzwischen auf eine Vermehrung des Kapitals bereits vertraglich verzichtet (Schäuble nimmt inzwischen also "Kontoführungsgebühren" dafür, dass Lebensversicherungen und Anleihefonds ihm die ihnen anvertrauten Beiträge zinslos zur Verfügung stellen, um damit den Bau des Berliner Flughafens zu finanzieren - Respekt vor diesem Geschäftsmodell!).
    Die Dividendenrendite des (deutschen) "Marktes" liegt hierbei sogar etwas höher als 2.3%, basiert aber auf Dividendenzahlern vorwiegend aus dem Banken-, Versicherungs-, Energieversorger-, Rohstoff- und Automobilbereich, auf die man sich nicht blind verlassen sollte, wie wir 2002/03, 2008/09 und auch derzeit wieder gelernt haben. Da könnte auch im nächsten Jahrzehnt irgendwann mal das eine oder andere Dividendenjahr ausfallen, was bei den "üblichen Verdächtigen" kaum der Fall sein dürfte (im Minimieren solcher Risiken besteht ja gerade das "Handverlesen", und dafür bezahlt der Markt derzeit lieber einen entsprechenden Aufpreis für die "bekannt defensiven" Branchen, als nach den "unbekannt defensiven" zu suchen).

    Selbst bei diesem Vergleich schneiden die Aktien jedoch insgesamt immer noch besser ab als die Anleihen, weil man bei den Aktien wenigstens das Gewinnwachstum der nächsten 10 Jahre verdienen wird (wenn die Aktien am Ende dieser Zeitspanne historisch normal bewertet sind und ihren prozentualen Überbewertungsabbau durch ihre Dividendenausschüttungen kompensiert haben), während man bei den Anleihen nur den Nominalwert zurück bekommt.
    Die Realrendite von Anleihen (nach Kosten, Steuern und Inflation) in den nächsten 10 Jahren wird also aller Voraussicht nach negativ sein (es sei denn, wir fallen jetzt in ein Jahrzehnt der weltweiten Deflation im Stile Japans - genau dies ist im Anleihemarkt bereits eingepreist, trotz bzw. sogar wegen aller entgegengesetzten Bemühungen der EZB), während die Realrendite des Aktienmarkts über die nächsten 10 Jahre knapp positiv sein könnte (zumindest solange die Inflationsrate nicht höher wird als das Weltwirtschaftswachstum - in diesem Fall wäre Liquidität aber noch viel schlechter).

    Umso wichtiger ist es deshalb, dass das Geschäftsmodell auch tatsächlich ein gewisses Gewinnwachstum zustande bekommt.
    Das "kleinste Übel" scheint also eine Auswahl von Aktien sein, die knapp 10% an Gewinnwachstum plus Dividende liefert und nicht mehr als 100-110% ihrer historischen Bewertung kostet.
    Von Unterbewertungen zu träumen erscheint in der aktuellen Marktsituation nicht realistisch, aber mit 7% Gewinnwachstum und 2% Dividendenrendite für 100% KGV-Quotient hat man immerhin eine Chance auf die langfristigen 9% Brutto-Marktrendite der vergangenen Jahrzehnte (was angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen eine atemberaubende Performance wäre).

    Ziemlich genau diese Art von Aktien bekommt im Hamsterrad-Sheet mehr als 180 Bewertungspunkte (je nachdem, mit welchem Gewicht man die zusätzlichen Aspekte wie "Robustheit" in die Bewertung einfließen lässt), denn das ist letzten Endes der "Plan", welcher der Konstruktion (auch) dieses Spreadsheets implizit zumindest teilweise zugrunde liegt.
    Das Ermutigende an der Wertentwicklung des Hamsterrad-Depots ist deshalb gar nicht mal die durchschnittliche prozentuale Wertsteigerung seit 2014 (denn diese liegt natürlich auch an der allgemein gestiegenen Marktbewertung), sondern die Tatsache, dass das Depot trotz des bewussten Verzichts auf den Kauf hoch bewerteter "Modeaktien" mit dem MSCI World mithalten und seit 2016 (Korrektur der Draghi-Zykliker-Blase 2015) sogar an diesem vorbeiziehen konnte.
    Der Markt hat 2009-2013 als Reaktion auf den 2008er-Crash "alle Boote gehoben" (und zwar die besonders "Ausgebombten" stärker als die Soliden), aber seit 2014 zwischen "Qualität" und "Schrott" selektiert (wenn "alles teuer ist", dann wird man wählerischer). Die Konzentration auf "Qualität zum fairen Preis" hat also zumindest seit der Existenz des Hamsterrad-Sheets keine Performance gekostet, sondern sogar ein bisschen zusätzliche Performance eingebracht (und dies trotz des erkennbar zu niedrigen Dollar-Anteils Anfang 2015). 2010 hätte eine so defensive Strategie hingegen (noch) nicht funktioniert.

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  • Das ist natürlich vollkommen korrekt und auch der Charme an dem Hamsterrad-Sheet bzw. der Schwarmworking-Geschichte.

    Für mich gibt es noch die Assetklasse "Cash", die ich als Privatmann sogar Dank Marketingaktionen auf 2,5-3% mit deutscher Einlagensicherung ausschöpfen kann. Darüberhinaus kurzlaufende High Yields (BB) wie z.B. die Papiere von T-Mobile oder ausgewählte Industriehybride. Ich muss also nicht zu jeder Zeit zu 100% in Aktien investiert sein.

    Auch die "Guten" werden sich einer allgemeinen Marktkorrektur nicht entziehen können. Und - leider ohne Garantie und Glaskugel - erwarte ich eine solche im Laufe der nächsten Monate. Das mag nicht eintreffen & kann jeder für sich anders entscheiden, aber ich kaufe bevorzugt, wenn es knallt. Ich gehöre definitiv nicht zur "Dividende ist der neue Zins"-Fraktion. Besonders den Gesamtmarkt würde ich aktuell nicht kaufen.

    Wenn ich jetzt kaufen müsste, dann kämen natürlich auch die 5-6 Werte in Betracht, die auch das Hamsterrad-Sheet als Qualität zum fairen Preis filtert (befinden sich übrigens bereits in meinem Depot). Nach den kräftigen Anstiegen z.B. bei "meiner" Church & Dwight muss ich mir eher über mögliche Verkäufe und/oder Alternativen Gedanken machen.
  • Ich finde eure Arbeit einfach klasse, vielen Dank nochmals dafür. Sie stellt für mich eine Wichtige Quelle bei der Informationsbeschaffung und letztendlich beim Kauf und Verkauf von Blue-Chips dar.
    Auf finanzielle Spenden von mir könnt ihr auch weiterhin bauen. Es ist nicht viel, und soll auch lediglich eine Art 'Geste' meinerseits darstellen.